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Leben 2.0

Aktualisiert: Sept 5


Mitte September ziehe ich nach vier Jahren bei meinen Eltern aus und wohne danach selbständig in einer kleinen 2-Zimmerwohnung in der Stadt Bern. Die Vorfreude ist riesig und die Unsicherheit ebenfalls.

Früher lebte ich viele Jahre alleine und das gerne. Aber damals arbeitete ich viel, trainierte nach Feierabend regelmässig, traf Freunde und vereiste oft. Nun startet ein neues Kapitel. Ich werde viel zu Hause sein. Die Frage ist, werde ich alleine oder einsam sein? Ich weiss auch gar nicht, wie gut ich körperlich klarkommen werde. Ich hätte mir gewünscht, beim Auszug fitter zu sein. Nach einem hartnäckigen Blaseninfekt, drei weiteren Impfungen und einer Trigeminus-Neuralgie* ist von meinen Reha-Fortschritten vom Frühling nichts mehr übrig. Darum ist Kreativität und gute Organisation gefragt.

Die Krankenkasse bezahlt mir über meine Zusatzversicherungen eine Haushaltshilfe, welche ich mir wahrscheinlich jede Woche zwei Stunden leisten kann. Ich suche jemanden, der mich beim Putzen, Waschen, Bügeln und Kochen unterstützt. Einkäufe tätige ich vorerst online. Das ist ja seit Corona noch einfacher geworden. Ich überlege mir zudem, einen Servierwagen zu kaufen. Ich könnte am Abend meinen Kaffee zum Stressless-Sessel fahren oder Gemüse und Schneidutensilien auf einmal an den Tisch stossen.

Unklar bleibt, wie und ob ich meine Termine wahrnehmen kann. Am neuen Wohnort habe ich einen Lift und zwei Busse fahren direkt vor dem Wohngebäude los. Soweit so gut. Es wäre auch denkbar, dass ich das Auto benutze. Die Strecken vom neuen Standort aus werden viel kürzer sein. Trotzdem muss ich es hinbekommen, ein paar hundert Meter zu Fuss gehen zu können. Ich habe eine neue Fussschiene vom Ortho-Team, die meine Gehstrecke etwas verlängert. Die Stolpergefahr bleibt. Ausserdem bin ich in den letzten Jahren kaum alleine unterwegs gewesen. Ich werde an meinem Selbstvertrauen arbeiten und mich aus meiner Komfortzone trauen müssen. Dafür benötige ich Mut und die Fähigkeit, auch mal um die Ecken zu denken. Eventuell wird es Sinn machen, mit dem Tram einen Umweg zu fahren, damit sich die Gehstrecke verkürzt. Auch werde ich zu Beginn wohl weniger Arzt- und Therapietermine planen, um den Druck rauszunehmen. Bei der Physiotherapie habe ich die Option bei Bedarf Heimbehandlungen zu vereinbaren. Pläne habe ich viele und die Zeit wird zeigen, welche funktionieren. Viele Hürden werden mir wahrscheinlich erst im Alltag bewusst werden. Zum Beispiel: Wie kommt der Abfallsack in die Mülltonne, wenn ich zum Gehen zwei Stöcke benötige? Hoffentlich habe ich nette Nachbar*innen, die im Notfall mal aushelfen würden. Viele Wege führen nach Rom und ich werde bestimmt einige Umwege in Kauf nehmen müssen. Es ist halt mein Leben 2.0. Update folgt!


* Die Trigeminus-Neuralgie ist eine Form des Gesichtsschmerzes. Es handelt sich um einen äusserst schmerzhaften Reizungszustand des fünften Hirnnervs, der aus drei Nervenästen besteht, die den Stirnbereich, den Oberkiefer und den Unterkiefer versorgen.

Anfangs hatte ich ein sehr starkes blitzartiges einschiessen im Unterkiefer rechts. Die verschriebenen Antiepileptika vertrug ich überhaupt nicht. Zum Glück hat der Schmerz stark nachgelassen und die Craniosacral-Therapie schlägt gut an. Darum verzichte ich momentan auf Medikamente und weitere Abklärungen.

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