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  • AutorenbildFree Bird

Wenn einer eine Reise tut, ...

… gibt es viel zu erzählen – positiv oder negativ. Die Bilanz meiner neusten Versuche selbständig unterwegs zu sein, fällt durchzogen aus.

Die Planung startet im August. Nach den erfolgreichen Tramfahrten in Bern will ich mich an eine Zugreise wagen. Ich löse ein Halbtaxabonnement und telefoniere mit dem Contact Center Handicap der SBB. Eine freundliche Frau erklärt mir geduldig die verschiedenen Möglichkeiten. Gleich zu Beginn des Gespräches erwähnt sie, dass der Bahnhof Bern nicht barrierefrei sei und ich immer eine Einstiegshilfe benötigen werde. Ach so, Bern ist ja nur die Hauptstadt und wir schreiben auch erst das Jahr 2023 😉

Eine solche Assistenzhilfe kann schriftlich zwölf Stunden vorher per Formular oder telefonisch mindestens eine Stunde vor Abfahrt angemeldet werden. Weiter erfahre ich von der Mitarbeiterin, dass ich ein Begleitabo zugute habe. Damit reise ich oder meine Begleitperson im Schweizer Verkehrsnetz gratis. Das ist eine finanzielle Entlastung und ich freue mich darüber. Das Begleitabo muss nur einmalig mit einer Bestätigung meiner Neurologin beantragt werden und wird anschliessend auf dem Swisspass hinterlegt. Soweit so gut!

Der warme Sommer beeinträchtigt erneut meine Energie und die Gehfähigkeit, darum verschieben wir die erste Probefahrt in den September. Mein Vater begleitet mich. Wir fahren nach Zürich. Es ist Samstagvormittag an einem schönen Spätsommertag. Der Einstieg über die kleine Rampe klappt gut und ich sitze zufrieden im Zug. Ich geniesse die Fahrt sehr! Das ist insofern erstaunlich, dass ich früher jahrelang gependelt bin und für eine ganze Weile so gar keine Lust mehr auf Zugreisen hatte. Der begleitete Selbstausstieg in Zürich ist holprig, aber funktioniert. Die Trams haben die viel steilere Rampe als in Bern und ich werde zweimal beim Ausstieg vom Personal schlicht vergessen.

Den Einstieg für die Rückfahrt probiere ich selbständig. Ich bleibe mit den kleinen Vorderrädern stecken und mein Vater muss nachhelfen.

Das Fazit: Die SBB geben sich grosse Mühe, Tram fahren in Zürich ist etwas Glücksache und alleine wäre ich nicht gut zu recht gekommen. Beispielweise ist das Rollstuhl-WC im Zug für meinen handlichen Elektrorollstuhl zu klein und die Türe konnte ich nicht ohne Hilfe schliessen bzw. öffnen.

Die Generalprobe liegt hinter mir, nun plane ich den eigentlichen Event. Ich habe Tickets für eine der Helene Fischer-Shows im Hallenstadion. Ich habe sie bereits vor sechs Jahren einmal live gesehen. Dieses Erlebnis hat eine besondere Bedeutung für mich, da es der letzte grössere Ausflug für Jahre gewesen sein sollte und der allerletzte zu Fuss.

Im Vorfeld überlege ich mir nach dem Konzert vielleicht in Zürich zu übernachten. Viele Hotels sind schon ausgebucht oder teilweise nicht ideal gelegen. Schlussendlich entscheide ich mich dagegen, weil ich am nächsten Tag nicht alleine nach Hause reisen will.

Also, suche ich jetzt nach einer Fahrgelegenheit für handicapierte Menschen vom Hauptbahnhof zum Hallenstadion und zurück. Die von der Stadt Zürich subventionierten Unternehmen Tixi Taxi und BTZ lehnen mich ab, da ich nicht im Kanton wohnhaft bin. Ja, richtig gelesen. Ich bin schockiert. Zwei weitere Firmen arbeiten nur tagsüber. Nach Stunden und im 5. Anlauf finde ich das Rollstuhl Taxi Zürich. Sie werden mich und meine Begleitperson für CHF 80.-- pro Weg mitnehmen.

Am Freitag ist es endlich soweit: Das Konzert findet statt. Ich bin seit Tagen nervös. Alle Fahrten klappen reibungslos und wir geniessen eine unvergessliche Show. Es berührt mich emotional sehr und ich werde noch oft an das grossartige Spektakel zurückdenken und meine selbstgefilmten Videos anschauen.

Ein Abend voller Leichtigkeit und purer Freude geht zu Ende. Ein paar Stunden, die ich mir hart erarbeiten musste, da nichts in meinem Leben einfach ist. Dennoch werde ich immer dafür kämpfen, auch weiterhin solche Glücksmomente erleben zu können.



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